Freitag, 16. Februar - Auf dem Niger

Scheich mit Benz

Letzte Nacht hatte ich Fieber. Kaum zu glauben, dass ich mir nach 10 Stunden Mali eine dicke Malaria eingefangen habe. Eine solche Inkubationszeit wäre wohl eher was fürs Guinnessbuch. Und Mücken und sonstige Plagegeister habe ich trotz des direkt an Nigerfluss gelegenen Hotels kaum gesehen oder besser gesagt gespürt. So handelt es sich womöglich um die Vorläufer einer Mitteleuropäischen Grippe, die sich immer wieder am ersten Urlaubstag bemerkbar macht. Zum Glück hatte mein Gepäck die gleiche Maschine wie ich genommen, was bei Air France ja auch nicht jeden Tag vorkommt. Und so musste gleich in der ersten Nacht die ohnehin spärlich gefüllte Apotheke herhalten.

Mali galt einst als Musterland, wenig korrupt und demokratisch. Es war eines der wenigen Touristenländer in der Region: mit dem sagenumwobenen Timbuktu, den gewaltigen Stein- und Sandwüsten und der guten Musik. Doch das Land hat diesen Ruf schon seit Jahren verspielt. Erst vertrieben Tuareg Rebellen die Armee im Norden, die wiederum putschten die Regierung in Bamako weg, und letztendlich wurde die Tuareg-Rebellion von Islamisten gekapert.

Insofern spielen sich die meisten Meldungen am Frühstückstisch über die hier aus 22 Ländern stationierten Soldaten ab. Auch deutsches Militär ist hier und macht nicht gerade positive Schlagzeilen. Man will hier weg, kommt aber nicht weg. Weil das deutsche Fluggerät, eine vermutlich uralte A310 nicht flugtüchtig ist. Da ging’s mir mit meinem nagelneuen Boeing Dreamliner gestern besser.

 Im Hotel logierten auch Mitarbeiter der Truppen im Norden, Amerikaner. Die Aussage zur Sicherheit in der Region war eindeutig. Bis Mopti sei es sicher, dann fangen die umstrittenen Gebiete an. Aber entführt würden vorzugsweise Franzosen. Vermutlich wegen der einfacheren Kommunikation. Nun ja, schauen wir mal. In Mopti mache ich jedenfalls nicht Endstation. Ich fühle mich zwar alles andere als fit, aber voller Tatendrang.

So wird erstmal die Umgebung von Koulikoro erkundet, was bedeutet, dass ich zunächst ein Tuktuk kapere. Es bringt mich zu einer heiligen Stätte. Doch angebetet Wesen hier weder Mohammed oder irgend eine animistische Gottheit, sondern ein Kamel. Oder besser gesagt ein Dromedar. Denn auf einem Steinpodest wurde ein Fels in Dromedarform aufgestellt. Und die Leute bringen dem Dromedar ihre Gaben. Selbst über ein paar Münzen soll sich der steinerne Gott mit dem Höcker freuen.

Gerade kommt eine Schulklasse vorbei, um sich den Segen zu holen. Ob dieser dann bessere Schulnoten bewirkt, oder einfach nur bessere Ausreden, warum die Noten denn so schlecht seien, finde ich nicht heraus. Aber wie überall, wenn kleine Kinder einen Weißen sehen ist erstmal ein riesiger Auflauf. Und da weiße Schloggebacher hier seltener als steinernes Dromedar. Was nach hiesigen religiösen Bräuchen eigentlich bedeutet, dass demnächst ich hier angebetet werde. Und da gibt’s bestimmt keinen Rabatt auf schlechte Schulnoten.

Wenig später folgt eine Höhle, wo Suffis hausen. Diese halbmuslimische Glaubensrichtung ist mir schon in Afghanistan wegen ihrer lasterhaften Kebensweise aufgefallen. Doch wer glaubt, hier ein Haschpfeifchen im Angebot zu finden, der irrt. Stattdessen sitzt ein dicker Scheich vor der mit Büchern und Tierfellen bestückten Höhle und meditiert. Oder macht sonst was. Er fläzt sich zwar herum, als hätte er schon einen Doppeljoint intus, zu rauchen gibt es aber nichts.

Doch das Leben als Scheich scheint erklecklich. Denn neben einem Dorf, in dem archaisch Wäsche gewaschen und Ziegen gehalten werden versteckt sich unter einer Plane ein dicker Benz. Gehört natürlich dem Scheich. Ich beteilige mich an Dorfleben und schöpfe Wasser aus einem Brunnen. Kühl und sauber. Alle Achtung denke ich, aber probieren möchte ich trotzdem nicht. Neben Fieber auch noch Durchfall, das braucht nun wirklich niemand.

P.S. Fotos vom Scheich waren verboten. Man würde ihn mit dem Foto seines spirituellen Geistes berauben. Vermutlich will er aber nur nicht, das herauskommt, das die asketischen Suffis von einem Fettsack mit Benz regiert werden.