Dienstag, 20. Februar - Djenne

Fritz bei der UN

Djenné ist das kulturelle Zentrum des Islams in Mali. Man nennt es zudem Klein Venedig. Während ersteres auf ein relativ langweiliges Nachtleben schließen lässt, würden sich die Einwohner Venedigs vermutlich verblüfft die Stirn runzeln. Von Canale Grande ist hier keine Spur, stattdessen staubt es wie bei bei der Rallye Paris Dakar. Diskussionen über Feinstaub werden hier sicher keine geführt. Denn wie schon Queen sang: Anyone bites the dust!

Vor der Kulisse der weltberühmten Lehmmoschee findet der Montagsmarkt statt. Schon auf der Fahrt dorthin hat man das Gefühl halb Mali ist unterwegs nach Djenné.

Wir setzen mit der Fähre über, was in Afrika immer ein Schauspiel besonderer Art ist. Unzählige Verkäuferinnen preisen Halsketten, Ringe und Schlüsselanhänger und frag mich was an. In weiser Voraussicht, dass wer über den Fluss fährt auch wieder zurück muss, versichere ich glaubhaft, morgen wieder zu kommen. Dumm sind die Damen aber auch nicht. Wie ich heiße, wollen sie wissen. Die Antwort Fritz erscheint eines Deutschen glaubhaft und ich darf passieren.

In Djenné herrscht ein riesiges Gewusel. Frauen balancieren Kalebassen auf ihrem mit schweren Goldohrringen und Nasenschmuck verzierten Kopf. Sogar ein Heiratsmarkt soll hier irgendwo angesiedelt sein. Ich mache mich aber auf die Socken, denn ich will die Stadt noch etwas vor und vor allem nach dem Sonnenuntergang erkunden. Denn hier findet sich das Zentrum sudanesischer Lehmarchitektur. Staubig aber oho.

Überall kicken Jungs oder spielen Tischfußball. Eine Kneipe suche ich zwar vergebens, aber vor einem Elektroladen wird ein Spiel im englischen Football Cup übertragen, wo zur Freude alle Maestro Pep Guardiola mit Manchester City gerade von einem Zweitligisten vor die Tür gesetzt wird. Der Jubel hier ist grenzenlos.

An folgenden Morgen gibt’s dann richtig Programm. Erstmal in die Moschee, die von 99 Säulen getragen wird. Kein großer Gebetsraum wie sonst üblich, sondern viele kleine Nischen zwischen den Säulen. Das Gelände um die Moschee herum darf von Nichtmuslimen eigentlich nicht betreten werden. Schuld daran sind Italiener, die vor zig Jahren die engen Gassen und schnuckligen Lehmhäuser zum Fotoshootings mit nackten schwarzen Schönheiten genutzt haben. Mit Beziehungen und einem kleinen Obolus komme ich trotzdem rein.

Dabei ist es nicht unbedingt die Architektur, die fasziniert. Es sind die Leute selbst. So werde ich Zeuge unzähliger Schlammschlachten. Denn gegen Ende der Trockenzeit wird neu verputzt. Und zwar alles. Dann holen die Leute den lehmigen Schlamm aus dem Fluss, stampfen diesen mit Reisstroh verfeinert solange, bis er platt ist und klatschen das ganze gegen die Wand. Für klein und groß und den staunenden Touristen ein Riesenereignis. Diese Wurf-Putz-Technik funktioniert natürlich auch bei Touristen. Staub und Sand und Matsch, das Zeug fliegt nur so um mich. Blödsinn nur, dass es noch keine Kanalisation gibt. Und so hat das Venedig des Norden Afrikas auch einen stinkenden Canale. Die Kloakenrinnen der Innenstadt.

Nicht gerade der richtige Eindruck, um gleich eine malische Familie zu besuchen. Man hat zumindest hier einen bescheidenen Wohlstand. Ein Zimmer, Fernseher mit Japan TV only und einen Herd zum Kochen. Über 90 Prozent der übrigen Einwohner können davon nur träumen und die oberen 10 Prozent reisen mit dem dicken, klimatisierten Benz durch die Lande.

Nach Mopti geht es weitere 100 Kilometer Richtung Norden. Hier überquere ich die No Go Area in ein Gebiet, das von der hiesigen Terrororganisation Al Qaida im Maghreb kontrolliert und geknechtet wird. Ich hätte es mir fast denken können. Aber man kann in Mali nicht so einfach am Abend um den Block kaufen. Das halbe Land weiß danach, dass hier ein Weißer unterwegs ist.

Und natürlich auch die MINUSMA. Was so negativ klingt ist die UN Militäroffensive im Mali. Ein rumänischer Kommandant mit Soldaten aus Guinea, Togo und was weiß ich woher wringt mich aus. Was, warum und überhaupt ich hier will. Selbst mein akkurates Visum nutzt hier wenig. Immerhin darf ich weiterreisen, was mir später an der Fähre, Stichwort Fritz, nicht gelingt. Immerhin tauschen wir Telefonnummern aus und ich bin froh, dass sich bis jetzt die UN noch nicht gemeldet hat.

 

P.S.: In Mopti wurden in den letzten Jahren alle Kneipen bis auf eine von den Islamisten sturmreif geschossen. Und in der sitze ich heute Abend. Fußball schauen - Bayern gegen Besiktas. Der Sturm ist reif!