Samstag, 5.  Mai - Moskau

Plattfüße 

Fast hätte ich den Marathon geschafft. Denn am späten Abend zeigt meine Handy App über 52000 Schritte oder rund 39 Kilometer an, die ich heute durch Moskau getrabt bin. Die russische Hauptstadt ist nichts für Fußkranke. Und das trotz des tief unter der Erde verbuddelten UBahn Netzes, das im drei Minuten Takt mit preußischer Disziplin durch die Röhren brettert. Aber Genosse Stalin hatte bei der Planung wie in jeder sowjetischen Dtadt mit einem UBahn-Netz an die Gesundheit der werktätigen Bevölkerung gedacht und die einzelnen Stationen weiträumig auseinander gelegt.Es ist der dritte Abstecher seit den 90ern in die immerhin größte Stadt Europas, insofern konzentriere ich mich auf das Nötige oder versuche herauszufinden, was sich denn seit dem letzten Trip 2009 geändert hat. Ums vorwegzunehmen: nicht viel und ich habe ja auch nur 30 Stunden Zeit.

Moskau ist hektischer geworden, das Dawai, Dawai von früher einer gewissen Emsigkeit gewichen. Hängt vermutlich mit der Fußball WM zusammen, die hier in rund sechs Wochen beginnt. Und da sind wir auch schon bei den Veränderungen. Südlich des Kreml wurde ein kleiner Park angelegt, von dessen Höhen und einer über der Moskva installierten Plattform aber eine tolle Aussicht auf den Kreml und die Basiliken zu seiner rechten (die mit den bunten Zwiebeltürmen) und seiner linken (die mit den goldenen Türmen) zum Fotos schießen einlädt.

Moskau ist gemütlicher geworden. Überall kreativ zusammen gezimmerte Sitzgelegenheiten als Vorgeschmack fürs Public Viewing und hellgrüne Podeste, auf denen Acapella-Solisten auf ein mehr oder weniger Acapella hungriges Publikum treffen. Ansonsten eigentlich alles beim Alten.

Es ist der 5. Mai und die Stadt putzt sich heraus für die Siegesfeiern zum Ende des zweiten Weltkriegs. Insofern gibts um den roten Platz außer zig Absperrungen auch nicht viel zu sehen. Dass Genosse Lenin mal wieder zur Frischzellenkur unterwegs ist, nehme ich mit der zu diesem Anlass schon üblichen Gelassenheit hin. Drei mal in Moskau gewesen, und der Genosse war dreimal nicht da. Da fragt man sich schon: bin ich Tourist oder arbeite ich beim Paketdienst...

Den ersten Abend  machte ich mich dann auch standesgemäß in einer UdSSR oder wie das hier heißt, CCCP-Kneipe auf. Von den Wänden lächeln altsozialistische Größen wie Erich Honecker und Gorbatschow. Auf dem Tisch liegen laminierte Zeitungsausschnitte aus längst vergangenen Zeiten und auf der Bühne versucht sich jemand mit Russen Pop aus den 70ern.Es sind nur wenige Leute da und die zwei Bedienungen nutzen jede Pause, um auf ihrem Handy Kurznachrichten zu tippen oder die nächste Kippe anzustecken. Gute Gelegenheit also, die eingerosteten Russisch Kenntnisse etwas aufzufrischen.

Den Samstag hatte ich eigentlich nur das historische Zentrum auf dem Plan und die für ihre Wolkenkratzer bekannte Moscow City auf dem Plan . Ansonsten gibt es bis auf die in der gesamten Gegend verstreuten stalinistischen Zuckerbäcker Monumente auch nicht so viel zu sehen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass man das Panorama vom Südufer der Moskwa unbedingt zum Sonnenaufgang genießen bzw. fotografieren müsste - spätestens um 5 Uhr! Morgens. Ist klar! Da ich die CCcP Kaschemne erst gegen 4 Uhr verlassen hatte, hatte sich das mit dem 5 Uhr Termin auch schnell erledigt.

Dafür habe ich zwei Demos gekreuzt, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Vor dem Karl Marx Memorial versammelt sich ein Grüppchen Uralt-Kommunisten, um dessen 200. Geburtstag zu gedenken. Mit roten Fahnen und dem kyrillischen Aufdruck Rot-Front bestückt können die Herrschaften kaum das gute Stück schwenken geschweige denn sich zum Niederlegen der obligatorischen Nelke vor dem Denkmal bücken Schaut man in die Gesichter der Strategen, hat man das Gefühl, sie alle müssen Karl Marx persönlich gekannt haben.

Am Puschkin Platz wurde es hingegen ungemütlich. Alexander Nawalny hatte seine Anhänger zu einer Demo gegen Putin aufgerufen. Putin wird am Montag das fünfte mal vereidigt, obwohl die Verfassung doch nur zwei Amtszeiten vorsieht. Mit aller Brutalität gegen die Schergen Putins gegen die weitgehend friedlichen Demonstranten vor. Meinungsfreiheit ist unter dem Autokraten zu einem Luxusgut verkommen, das nur für einen Teil der Bevölkerung gilt: die Anhänger Putins. Ich habe ja schon einige Straßenschlachten gesehen, bin aber am Abend immer noch entsetzt und könnte unserm ehemaligen Gazprom Kanzler momentan persönlich eins überbraten. Putin - der lupenreine Demokrat.

P.S. Ich bin ja noch immer von den russischen Worten deutschen Ursprungs fasziniert. Butterbroti, Rucksacki und so weiter. Seit heute kenne ich ein Neues: Strichcodi !!!