Montag, 7. Mai - Dargavs / Vladikavkaz

Fazikaus

Drehen wir die Uhr etwas zurück. 1991 zerfällt die Sowjetunion und es bilden sich 15 Teilrepubliken. Für die Russen in diesen Republiken ergibt sich nun das Problem, dass sie in der UdSSR zwar die dominierende Mehrheit, nicht aber in den neugegründeten Staaten. Im Ergebnis haben sich diese Russen dann von ihrer neuen Heimat losgesagt und einen eigenen Staat gegründet, der von Russland abhängig auch nur von Moskau anerkannt wird. Transnistrien ist so einer, Abchasien ein anderer.

Heute geht es um Ossetien. Der Norden gehört zu Russland, der Süden formell zu Georgien, aber das interessiert die Südosseten nicht. Die Grenze zu Georgien ist dicht, die zu Russland offen. Und letztlich führte diese Situation auch zum russisch - georgischen Krieg 2008.

Von Vladikavkaz aus ist es nicht weit in die Berge und auch nicht weit zur Grenze. Im russischen Allgäu geht es etwas wandern, die Landschaft ist grün, die 5000er weiß und überall finden sich die historischen Wachtürme, der englische Ausdruck Watchtower trifft’s aber besser. Das hat zwar jetzt nichts unmittelbar mit dem Genossen Stalin zu tun. Doch in der Gegend gibt es ebenso viele Stalin Statuen wie Watchtowers und einige von denen habe ich unter die Lupe genommen. Der Georgier Stalin wird hier noch respektierlich verehrt, stammt seine Familie doch aus der Region, was natürlich dann einer besonderen Fürsorge aus Moskau bedurfte.

Ziel war das Bergdorf Dargavs und ein Wasserfall. Den Wasserfall habe ich nie gesehen. In Dargavs finden sich einige traditionelle Hüttchen, welche dem Totenkult huldigen und jede Menge Skelette beherbergen. An Eingang hat sich auch so etwas wie ein Herbergsvater breit gemacht, der seinen Gästen selbst gepanschten Wodka offeriert. Selbstverständlich in großen Humpen und der standesgemäßen Begrüßung Achtung und Gutten Tag. Trink und Prost hat er auch noch auf Lager. Natürlich trinkt er mit jedem Gast einen dieser Humpen, was dann bei den Mengen von Wodka nicht unerhebliche Spuren hinterlässt.

Bereits nach meinem ersten Glas fällt er mit um den Hals und ruft Bruderschaft. Glücklicherweise ist ihm nicht bewusst, das solches auch mit einem Bruderkuss besiegelt wird. Gut für mich, aber richtige Brüder sind wir jetzt doch nicht. Egal, hab ich jetzt einen kaukasischen Halbbruder. Als größeres Problem entpuppte sich freilich, dass ich um die Mittagszeit schon im geistigen Nirvana war.

Insofern war nun ein kleines Päuschen angesagt. Soweit die der Plan und soweit die Erläuterungen vorab. Denn aus den Hintergründen heraus sollte es zum geplanten Päuschen nie kommen. Denn plötzlich taucht die Miliz auf. 

Allein die Passkontrolle war schon ein Drama, da mich die russische Botschaft fürs VISA zu einem grünen vorläufigen Reisepass genötigt hatte. Der alte hatte keine zwei gegenüberliegenden freien Seiten mehr. Nicht dass die mangels Touristen ohnehin passunerfahrenen Söldner über die Farbe gestolpert wären, das Ding sieht halt doch irgendwie aus wie eine Eintrittskarte fürs Disneyland.

Nun haben wir aus russischer Sicht eigentlich gar keine Grenze, dennoch befinde ich mich im nunmehr im Grenzgebiet. Und das geht ja gar nicht. Jedenfalls nicht ohne eine womöglich von Putin selbst unterzeichnete Deklaration. Und meinen Disneyausweis hatte Putin nach Ansicht aller Anwesenden nicht unterschrieben. Da wurde mir ausdrücklich versichert, dass mein Visum für ganz Russland gilt und nach kaum 24 Stunden im Kaukasus steht die Grenzmiliz vor mir und verdächtigt mich der illegalen Einreise.

Nun ist es Aufgabe der Miliz die Täter zu stellen, nicht aber diese zu verhören. Das macht die Polizei und die wird sogleich verständigt. Und das kann dauern. Rund drei Stunden stehe ich in der Prärie und komme keinen Schritt weiter. Noch dümmer kommen sich allerdings die beiden Milizionäre vor. Man hat ja schließlich auch irgendwann Feierabend und der Chef der beiden hat eine Allergie gegen die Berggräser hier und will eigentlich schnellstens weg. Zudem scheinen die beiden unbestechlich, zumindest was Bargeld betrifft. Hätte ich was gegen Grasallergie dabei gehabt. Wer weiß...

Um 17 Uhr trifft die Polizei ein und die Fragerei geht von vorne los. Auch nach einer weiteren halben Stunde kein Ergebnis. Dann der Hammer: meine Daten müssen mit Moskau abgeglichen werden. Und was heißt das? Die checken das mit dem FSB. Das ist der russische Inlandsgeheimdienst. Nun würde es mir in der Tat mulmig. Denn mein Visum galt ja eigentlich nur für Moskau. Und Ossetien liegt da nicht gerade auf dem Weg. 

Also geht’s zur Wache ins beschauliche Fazikaus. Wenn irgendjemand irgendwann den Arsch der Welt sucht, dann empfehle ich Fazikaus. Zu allem Übel finden am Mittwoch die Feierlichkeiten zum Jahrestag des Sieges im zweiten Weltkrieg statt und da ist man in Moskau mit anderen Dingen beschäftigt. Ich richte mich auf eine lange Nacht ein. Auf der Wache schieben auch nur noch zwei Beamte Dienst. Der eine löst Kreuzworträtsel, der andere schaut Fernsehen: Moskau Fashion Week. Und abwechselnd behalten mich beide im Auge.

Stellt sich die Frage, wer hier in dem blassgelben mit ossetischen Wandmustern verzierten Kabuff zuerst einschläft. Doch dies und manches mehr im morgigen Blog.

P.S.: Wenn ich gerade so überlege, ist das Netz im tiefsten Fazikaus deutlich besser als in der tiefsten Wetterau. Sollte man mal drüber nachdenken!