Dienstag, 8. Mai - Fazikaus 

Fashion Week in Fazikaus

Drei Zimmer, Küche, Toilette. Das ist nicht etwa eine Anzeige in der Wohnungsbörse sondern die Polizeistation in Fazikaus. Es ist mittlerweile 22.30 Uhr und die Hoffnung auf Nachrichten aus Moskau auf den Nullpunkt gesunken.

In der Amtsstube mit immerhin zwei PCs etwas älterer Produktion und ebensovielen Wachhabenden nicht ganz so älterer Produktion harre ich der Dinge. Vor allem beschäftigt mich, welche Daten die da abgleichen. Mein Visum galt nur für Moskau, ansonsten wäre ich hier gar nicht hergekommen. Mit hier meine ich den Kaukasus, nicht die Wache. Denn auf der sitze ich ja gerade deshalb. Wobei das Vorgehen durchaus üblich ist, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Eines ist mir allerdings klar. Was das Sammeln von Daten angeht, kommt der FSB gleich hinter Facebook.

Die Wache bereitet sich für die Nachtschicht vor. Was eigentlich nur heißt zu hoffen, dass die Zeit über nicht viel passiert. Beide sind Osseten, was mir momentan aber auch nicht weiterhilft. Die Kommunikation verläuft eher spärlich, was aber eher meinen eingerosteten Russisch Basics geschuldet ist. Ansonsten werde ich weitgehend ignoriert. Die Herren sitzen da und machen Kreuzworträtsel.

Zu meiner Überraschung findet sich in dem Gebäude ein Flachbildschirm. Ob der hier zur Grundausstattung gehört, oder von einem dankbaren Touristen zwecks vorzeitiger Freilassung gesponsert wurde, wer weiß...

In jedem Falle wird das Gerät angeschaltet. Zu meiner eigenen Überraschung bleibt der Programmsucher ausgerechnet beim Fashion Kanal stehen. Der Fashion Kanal für Polizisten aus der ossetischen Provinz? Über mehrere Stunden erfahren wir somit das allerneueste von der Fashion Week in Moskau. Nicht das Klamotten und Outfit der Damen auch bei mir ein gewisses Interesse weckten, aber die Damen in der Gegend hier haben doch herzlich wenig mit Moskauer Design am Hut. Oder sollte man sagen am Kopftuch.

Der Grund der Programmwahl sollte allerdings nach Mitternacht offensichtlich werden. Je später die Nacht, desto spärlicher die Fashion. Massiv geschminkte Models präsentieren eigentlich nicht vorhandene Unterwäsche. Gegen halb vier kann ich mich als Experten in Sachen russischer Klamotten, Damenunterwäsche und allerlei High Heels Creationen outen. Vielleicht kann ich die beiden Polizisten gleich überreden, in Moskau eine Boutique zu eröffnen. Käme sicher mehr bei rum, als bei dem Job hier in Fazikaus.

Neben dem Fernseher läuft auch noch die Kaffeemaschine. Was mir ganz entgegen kommt, denn auf der doch harten Holzbank tut jede Abwechslung gut. Und schlafen ist ja eh nicht drin. 

Um sechs Uhr ist Schichtwechsel. Immerhin sind die neuen Kollegen gebrieft und stellen nicht die gleichen Fragen. Man stellt mir ein Ende der Privataudienz für 9 Uhr in Aussicht, was man aber im Kaukasus nicht sonderlich für baren Rubel nehmen sollte. Außerdem muss noch ein Protokoll angefertigt und ein englischsprachiger Student zwecks besser Verständigung engagiert werden. Mit Google Translator oder dem Sprachdienst einer Handy App ist man in den kaukasischen Bergen noch nicht so weit. 

Immerhin um 10 Uhr gibt es Nachfragen aus Moskau. Und man will das ganze offensichtlich zu Ende bringen. Die Feierlichkeiten am 9. Mai lassen einfach keine Zeit sich den ganzen Tag mit doofen Touristen zu beschäftigen. Der Rest ist die übliche Leier: Protokoll, Fingerabdrücke, Eintrag ins Klassenbuch, Urteilsspruch. Ich muss die Republik Ossetien-Alania innerhalb 24 Stunden verlassen. Oder anders formuliert: wenn ich hätte können, wie ich wollte, wäre ich ohnehin schon weg gewesen. Doch da ich nicht weg konnte wegen denen die mich weg haben wollen war ich noch nicht weg. Kaukasische Logik ...

Mit einem kleinen Obolus für die Kaffeekasse und der sicheren Erkenntnis, dass mich der FSB bereits vor dem Event besser kannte als ich mich selbst mache ich mich auf den Weg nach Vladikavkaz. Alles weitere behalte ich besser für mich, denn ich möchte nicht gleich schon in Tschetschenien von eifrigen Bloglesern angesprochen werden. 

Aus Vladikavkaz verschwinde ich dann relativ schnell. Was schade ist, die Stadt strahlt doch eine angenehme russische Gemütlichkeit mit Parks, Flaniermeile, Markt und ihren Shops aus. Außerdem muss ich noch das bereits bezahlte doch nie genutzte Zimmer räumen. Doch die Zeit drängt, Inguschetien wartet.

P.S.: Hat schon jemand einen Soldaten sich hastig setzen sehen, der vorher vergessen hatte, seine MP abzunehmen. Ich schon. Mit der Ausübung ehelicher ist’s jetzt erstmal Essig.