Mittwoch, 9. Mai - Nasran / Grozny

No Smoking!

Wer glaubt dass die meisten Irren des Kaukasus in Tschetschenien leben, der war noch nie in Inguschetien. Hier leben ausschließlich Moslems und die Scharia steht über allem, was die russische Gesetzgebung je hervor gebracht hat. 

Augenscheinlich wird dies in Nazran. Die größte Stadt der Region hat zwar rein gar nichts zu bieten, sieht man einmal von einem Verkehrsverhalten ab, bei dem sich jeder als Kopie von Sebastian Vettel begreift und durch seinen Fahrstil jedem Touristen den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Im Koran ist zwar einiges verboten, wie gesengte Säue durch die Gassen zu sausen aber offensichtlich nicht. 

Ich stehe mit einer Russin vor einem Lokal, sie raucht. Plötzlich hält ein Autofahrer auf der Straße, ruft mich ans Fester und sondert ein Feuerwerk an Beschimpfungen ab. Kaum gehe ich zurück zur Tara, so ihr Name, crashed ein zweiter Fahrer volle Lotte in die Parklücke vor dem angrenzenden Schaschlikstand. Steigt aus und das nächste Sammelsurium an Beleidigungen. Ich habe zwar kein Wort verstanden, aber Tara hat die Zigaretten flugs verschwinden lassen. Was wollen die von mir, runzele ich die Stirn. Ganz einfach: ich lasse meine Frau im Westlook in aller Öffentlichkeit rauchen. Da schlägt der Koran Purzelbäume. Und bringt die Sittenwächter auf den Plan. Das beste aber kommt zum Schluss, indem einer der der selbsternannten Scharia-Polizisten schreit: das ist hier nicht Russland, das ist Inguschetien. Ob Putin das weiß.

Inguschetien gilt zudem noch als trockenste Region Russlands. Also nichts wie weg. Nach zwei Stunden Fahrtzeit mit einigen Stops an Gedenkstätten zur Deportation der Inguschen unter Stalin liegt er unübersehbar vor meiner Nase. Der Check Point zur Tschetschenischen Republik. Unübersehbar deshalb, da ich von meterhohen Portraits der hiesigen Despotendynastie der Kadyrows begrüßt werde. 
Tschetschenien. Dafür, dass es nur etwa so groß ist wie Thüringen, ist das Gebiet nördlich des Kaukasusgebirges ziemlich bekannt in der Welt. Und dabei geht es nicht nur um die beiden Kriege, in denken Russland hier alles Platt gemacht hat, was höher als 30 Zentimeter war.
 
Die Hauptstadt Grozny, die ich eine Stunde nach der Grenze erreiche ist ein Vorzeigeobjekt. Vom Krieg ist hier zumindest nichts mehr zu sehen, alles ist mit Geld aus Moskau wieder aufgebaut. Zudem dürfte auch der eine oder anderer Rubel aus den kriminellen Geschäften tschetschenischer Auslandsbanden zurück in den Kaukasus finden. 
 
Es ist bereits Abend und daher  blinken die beleuchteten Glasfassaden des Wolkenkratzerviertels Grozny City wie ein Weihnachtsbaum. Davor strahlt hell die größte Moschee Russlands, benannt nach Kadyrows Vater Achmat. Und das wird in auf dem Weg zum Hotel nicht anders, überall blinkt es in Neonfarben. Von einem Tower hat man einen prächtigen Blick über die Stadt: die Moschee, ein riesiger Park, und den Schlossähnlichen Präsidentenpalast. Und  von oben kann Man auch über den benachbarten Bauzaun schauen. Hier soll in einem futuristischen Viertel bis 2020 der zweithöchste Wolkenkratzer Russlands entstehen. Bin also zu früh da.
 
Im Straßenbild fallen Uniformierte an jeder Ecke ins Auge. Denn als Dank für die Finanzierung oben genannter Pracht- oder Protzbauten sorgen Miliz, Polizei und Kadyrows schwarz uniformierte Privatarmee, die Kadyrowzi einigermaßen für Ruhe.

P.S. Wer in Tschetschenien Durst hat, findet Alkohol in einem einzigen Hotel in Grozny. Also gehe ich ins Grozny City. Hier kommt mir erstmal ein schnauzbärtiger Kaukasier wie aus dem Bilderbuch entgegen und zeigt mir seine Rolex. Kannst Du haben, meint er, und krempelt die Ärmel hoch. Da trug er dann noch zehn Uhren. Außer Uhren, erzählt er mir, hat er noch eine Frau und drei Kinder in Weißrussland. Die waren allerdings nicht zu haben.